Solidarische Musikschule WiMu kooperiert seit 2017 mit der Grundschule in Estenfeld

Was da unsichtbar im rosa Beutel steckt, fühlt sich ein wenig stachelig an. Als hätte es kleine Ästchen. Oder wie ein Igel. „Ich fühle, dass es braun ist“, meint Jessica. Die anderen lachen. Als könnte man Farben fühlen! Doch Jessica hat Recht. Was Theresa Merk den Kindern aus der Übergangsklasse der Grundschule Estenfeld heute mitgebracht hat, ist eine braune Wüstenrose. Die jetzt, zur Melodie von „Summ-galigaligali-summ-galigali“ mit Wasser begossen wird. Und langsam zum Leben erwacht.

Seit März 2017 kommen Theresa Merk und Christian Kraus von der Solidarischen Musikschule „WiMu“ des Würzburger Theaters am Neunerplatz an jedem Freitag für zwei Stunden zu den Kindern aus der Estenfelder Übergangsklasse. Heute nehmen drei Jungs und drei Mädchen aus Flüchtlings- und Migrantenfamilien an der Doppelstunde teil. Alle sechs sind mit Feuereifer bei der Sache. Denn die beiden Musikpädagogen des Projekts „Willkommen mit Musik“ verstehen es, das Eintauchen in die Welt der Musik zu einem spannenden Abenteuer zu machen.

Musik, sagt Klassenlehrerin Maren Gronert, ist in der Übergangsklasse ein nicht wegzudenkender Faktor. Mit Hilfe von Melodien, Tönen und Rhythmen lernen die Kinder bei ihr schwierige deutsche Wörter und ungewohnte Buchstabenkombinationen. So wurden in einer der letzten Stunden Wörter mit „pf“ geklatscht und getrommelt. Angefangen vom Pferdegetrappel bis hin zur Katzenpfote. WiMu ergänzt, vertieft und erweitert Gronerts Arbeit in der Übergangsklasse.

In den beiden Stunden mit Theresa Merk und Christian Kraus wird zwar auch Wissen vermittelt. In erster Linie geht es aber darum, den Kindern die faszinierende Welt der Musik zu erschließen und ihre musikalischen Talente zu wecken. Das geschieht auf spielerische, aufregende Weise, die nichts, aber auch gar nichts mit Pauken oder anstrengendem Üben zu tun hat.

So zieht sich durch die gesamte heutige Stunde die eingängige Wüstenmelodie „Summ-galigaligali-summ-galigali“. Erst summt nur Theresa Merk zu den leisen Gitarrenklängen von Christian Kraus. Bald summen auch die Kinder die Melodie. Nachdem sie die Wüstenrose mit frischem Wasser versorgt haben, gehen sie daran, die Rhythmen mit exotischen Instrumenten, zum Beispiel einem Caxixi, nachzuspielen.

Durch WiMu haben die Estenfelder Kinder sogar schon Bühnenluft schnuppern dürfen. „Im April traten wir beim WiMu-Konzert im Theater am Neunerplatz auf“, berichtet Maren Gronert. Auch beim Estenfelder Pfarrfest am 22. Juli werden die Jungs und Mädchen aus der Übergangsklasse zeigen, was sie musikalisch drauf haben. Weil das Projekt so erfolgreich läuft, möchte die Schule laut Schulleiter Christoph-Rupert Schneider auch im kommenden Schuljahr mit WiMu kooperieren: „Auch wenn wir dann wahrscheinlich keine Übergangsklasse mehr haben.“

WiMu eröffnet auch jenen Kindern die Chance auf Musikunterricht, deren Eltern sich weder den Kauf eines Instruments noch die Finanzierung von Unterrichtsstunden leisten können. Das geschieht durch unterschiedliche Projekte, erläutert WiMu-Koordinator Jonas Hermes. So ist es über Spenden möglich, Kindern aus benachteiligten Familien Einzelunterricht in den WiMu-Räumen in der Zellerau und Räumen der Kooperationspartner an anderen Standorten in Würzburg zu geben. Seit langem kooperiert WiMu z.B. mit der Mönchberg-Schule. Auch gibt es an der Zellerauer Mittelschule regelmäßig WiMu-Projekte.

Die Estenfelder Schule ist die bisher einzige Grundschule, die WiMu-Musikpädagogen zu sich einlädt. Weitere Grundschulen wären als Kooperationspartner willkommen, so Hermes. Vor allem ist WiMu gern bereit, beim offenen Ganztag mitzuwirken. Der wird in Estenfeld im Herbst 2020 eingeführt. WiMu soll laut Schulleiter Schneider integraler Bestandteil des Estenfelder Ganztagskonzepts werden.

Für Daniella, Irfan und Mohammed aus der jetzigen Übergangsklasse wäre es toll, würde es mit WiMu in Estenfeld weitergehen. Denn es macht ihnen riesigen Spaß, mit Theresa Merk und Christian Kraus die weite Welt der Musik zu erkunden. Welche Notenwerte haben zum Beispiel die einzelnen Noten, aus denen „Summ-galigaligali-summ-galigali“ besteht? Die Kinder hocken auf dem Boden, vor sich Kärtchen, auf denen entweder eine ganze oder zwei Achtelnoten zu sehen ist, und zerbrechen sich den Kopf, in welcher Reihenfolge die Kärtchen gelegt werden müssen.

Mohammed hat eine Idee. Mal schauen, ob sie richtig ist. Begleitet von Christian Kraus an der Gitarre, summen alle nach, was Mohammed gelegt hat. Und stellen fest: Nee, das passt nicht. „Hat jemand einen anderen Vorschlag?“ Irfan vertauscht zwei Kärtchen. Wieder summen alle. Und stolpern über zu viele Achtel an einer Stelle, an der es irgendwie ruhiger klingen müsste. Es braucht noch zwei weitere Anläufe. Dann stimmt es. Alle singen: „Summ-galigaligali-summ-galigali“. Was die Wüstenrose zu stimulieren scheint. Denn die blüht allmählich auf.

Auf verschiedenen Instrumenten spielen die Kinder zusammen mit Theresa Merk die „Wüstenmelodie“ nach, die die heutige WiMu-Stunde an der Estenfelder Grundschule durchzieht.